Konflikt! Wie ist meine Haltung?

Wir sehen 2 Menschen, die in einen akuten Konflikt geraten sind. Es scheint so, als würde dem Menschen in dieser Situation nur das Areal seines Denkens und Fühlens zur Verfügung stehen, das den Konflikt unterstützt. Alle anderen Bereiche des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens, die diesem Menschen normalerweise zur Verfügung stehen, scheinen wie abgeschaltet zu sein. Es erscheint so, als liefe ein Programm ab, das wie ein Filter nur die persönlichkeitsspezifisch erlernten Konfliktmuster zulässt.

Beispiele

  • Ein Mensch verfällt in Wortlosigkeit, es scheint als wäre er innerlich verschwunden, wenn er kritisiert wird. Diesem ansonsten redegewandten Menschen stehen seine Fähigkeiten in dem Moment nicht zur Verfügung, in dem er sich kritisiert fühlt.
  • Ein anderer Mensch zum Beispiel fängt an, sein Gegenüber zu beleidigen, sobald er glaubt, kritisiert zu werden. Er überprüft die Tatsachen nicht und holt zum Gegenangriff aus.

Und je festgefahrener ein Konflikt ist, um so deutlicher wird, dass jede der beteiligten Parteien im eigenen Verhaltensmuster gefangen ist. Es scheint so, als seien sie wie in einem geschlossenen Raum, der nur einen bestimmten Blick auf die Situation zulässt. Eine umfassendere Betrachtung scheint dann nicht möglich zu sein.

Das können wir bspw. in familiären Alltagskonflikten beobachten und auch in Konflikten am Arbeitsplatz die sich manchmal viele Wochen aufrechterhalten und immer wieder genährt werden.

Was hier hilft

  • Abstand
    Meist hilft es, den „Konfliktraum“ zu verlassen. Ein Streitgespräch kann z.B. eine Wendung bekommen durch eine kurze Unterbrechung (bspw. „Ich muss mal kurz ins Bad.“). Wenn wir den Konfliktraum verlassen haben, entsteht ein neuer innerer Zugang. Plötzlich kommt ein unerwarteter Gedanke oder Impuls in uns auf. Oder wir haben wieder Zugang zu weiteren Fähigkeiten unserer Persönlichkeit und erkennen hilfreiche Sichtweisen zu dem Konfliktthema.
    Je stärker und älter der Konflikt ist, desto größer sollte der Abstand zwischen den Annährungsgesprächen sein. Im Gespräch muss erkannt werden – vielleicht durch einen neutralen Vermittler – wann bzw. woran die Parteien sich festgefahren haben. Wenn eine Auflösung nicht möglich ist, sollte das Gespräch um einige Tage vertagt werden. So hat jeder Beteiligte die Möglichkeit, seinen Standpunkt zu überdenken.
  • Der wohlwollende Blick auf den anderen.
    In dem Moment wo ich innerlich etwas von meinem Standpunkt abrücke und die Belange des anderen wirklich wahrnehme, kann ich Verständnis entwickeln. Verständnis für die Lage und die Bedürfnisse des anderen. Das gelingt bei Konflikten zwischen Paaren, Eltern und Kindern, Freunden und ähnlichen liebevollen Beziehungen in den meisten Fällen. „Der Klügere gibt nach“ bedeutet hier, dass einer der Beteiligten für einen Moment seinen Standpunkt beweglicher macht, so dass Platz für das Verstehen des anderen entsteht. In beruflichen Beziehungen fordert es mehr von uns, eine wohlwollende Haltung einzunehmen. Hier werden unsere menschlichen, sozialen und spirituellen Werte auf die Probe gestellt. Verhalte ich mich so sozial, großzügig und wertschätzend, wie ich es von mir behaupte.
  • Erweitern des eigenen Horizontes
    Gibt es mehr als die eigene Weltsicht? Was will mir dieser Konflikt für meine persönliche Entwicklung aufzeigen? Habe ich ähnliche Konflikte schon früher erlebt? Welche Bedürfnisse – bei mir und beim anderen – stehen dahinter? Was will ich mit diesem Konflikt erreichen? Geht es um Macht? Wovor habe ich Angst? Wenn ich mich frage, wozu ich in diesen Konflikt geraden bin, erweitere ich meine Selbsterfahrung und der Horizont meiner Weltsicht wird weiter.

Ein schwieriger Schritt: Sich der eigenen Verantwortung stellen

Wenn Menschen sich ihrer Verantwortung zu einem Konflikt stellen sollen, höre ich oft: „Warum gerade ich? Der andere kann doch auch den Schritt tun.“

Ja, warum sollen wir uns beispielsweise für das verantwortlich zeigen, was wir zu der misslichen Lage beigetragen haben? Warum soll ich den Schritt zur Versöhnung machen? Warum soll ich dem anderen Verständnis entgegen bringen?
In der Phase der Konfliktbewältigung, in der jeder sich seiner Verantwortung stellen soll, fühlen sich viele Menschen klein und schwach. „Dann hat der andere Gewonnen und ich habe verloren!“ Ja, es besteht die Gefahr, dass der andere das Friedensangebot ablehnt oder Vorteile für sich geltend mach. Und damit wäre der Machtkampf verloren. So scheint es.
Auf der rein äußeren Ebene ist es so, dass es einen Verlust geben kann. Vielleicht muss ich finanzielle Zugeständnisse machen, um den Frieden herzustellen. Vielleicht wird diese menschliche Geste im Berufsumfeld als „Schwäche“ gewertet, so dass vordergründig an meinem Ansehen gekratzt wird.

Doch wenn ich weiß, warum ich mich meiner Verantwortung stelle, wächst daraus eine selbstbewusste persönliche Kraft. Welche Werte vertrete ich mit dieser Haltung? Für welche menschliche Qualität stehe ich in diesem Leben? Auf dieser inneren Ebene haben wir eine kluge Investition getätigt.
Auch wenn die Früchte in der äußeren Welt oft nicht sofort erkennbar sind, so wirken sie doch stärkend auf unseren Charakter, wirken sich auf unseren Seelenfrieden und unsere Gesundheit aus.

Man kann diese Investition in eine friedfertige Haltung damit vergleichen, wenn wir einen Pflanzensamen in die Erde geben. Wir bekommen die Ernte auch nicht am ersten Tag oder nach einer Woche. Wir müssen den Boden geduldig pflegen und warten, damit die Frucht wachsen kann. Genauso ist es auf der menschlichen Ebene. Wir investieren Geduld, Vertrauen, Wohlwollen und Verständnis in unsere Mitmenschen. Die Früchte zeigen sich nicht sofort. Doch wenn wir uns in dieser Haltung treu bleiben, bildet sich unser Charakter, unsere Persönlichkeit immer stabiler aus.
Wir tun es für uns selbst!