Vorstellungsgespräch 1: Unbewusste Fehler vermeiden!

In dieser ersten Fortsetzung zum Leitartikel Das Vorstellungsgespräch – Ihre Vorbereitung  möchte ich Sie anregen, sich mit möglichen „unbewussten Fehlern“ im Vorstellungsgespräch zu beschäftigen. Besonders wenn wir Menschen von uns selbst sprechen, geht unsere Wirkung weit über die sachliche Aussage hinaus. Durch unsere Körpersprache und die oft unbewusste Wahl der Worte wirkt unsere ganze Persönlichkeit. In der „Selbstdarstellung“ zeigt sich der Charakter des Menschen, unsere Prägung,  persönliche Werte und Glaubenssätze und auch die momentane Verfassung auf unbestechliche Weise. Je nach dem wie erfahren und geschult Ihr Gesprächspartner in der Menschenkenntnis ist, wird er mehr oder weniger stark die Wirkungen ihrer Persönlichkeit wahrnehmen. Beispielsweise:

  • Die Enttäuschung über die Kündigung, den Karriereknick oder den Konflikt mit Ihrem Kollegen gärt in Ihnen. Sie möchten dies im Gespräch nicht thematisieren und zeigen sich zu diesem Teil Ihres Werdegangs vermeintlich sachlich. Doch das was Sie verbergen möchten, wirkt meist unbewusst durch und schwächt Ihre persönliche Wirkung. Und dadurch entsteht bei dem Personaler der Eindruck: „Da stimmt doch was nicht.“

Vielleicht haben Sie sich bisher weniger mit den guten und schlechten Erfahrungen Ihrer beruflichen Stationen auseinander gesetzt. So könnte Ihr Gegenüber u.U. an mehreren Stellen des Gespräches „Unstimmigkeiten“ wahrnehmbaren. Vielen fachlich sehr guten Bewerbern sind die eigenen unbewussten „Fehler“ im Vorstellungsgespräch nicht bekannt. Zur Verdeutlichung hier einige Beispiele:

1. Beispiel: Der Bewerber ist nicht in Übereinstimmung mit seinem Werdegang

Herr S., 42 Jahre, hätte gerne Betriebswirtschaft studiert, wurde jedoch vom Elternhaus zu einer Ausbildung im Handwerk genötigt. Durch verschiedene berufliche Stationen und Weiterbildungen hat er heute eine verantwortliche Position im Einkauf eines Industrieunternehmens. Er strebt den nächsten Karriereschritt an. Im Vorstellungsgespräch spricht Herr S. nur kurz über seine Zeit als Handwerker und die einzelnen Entwicklungsschritte. Er hadert noch mit dieser Zeit und stellt lediglich die aktuelle Position erfahrungsreich dar. Auf Nachfragen zu den vorherigen Stationen gerät er in eine rechtfertigende Haltung und schwächt damit seine persönliche Wirkung.
Mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt, hätte Herr S. die wichtigen Erfahrungen und die daraus entstandene Ausbildung seiner persönlichen Kompetenzen überzeugend darstellen können. Dass Herr S. gerade durch diesen Werdegang für die aktuelle Position qualifiziert gewesen wäre, konnte er nicht erkennen. Wodurch wäre er besonders qualifiziert gewesen?

  • In der aktuellen Aufgabe, wäre er für den direkten Kontakt mit den Handwerkern verantwortlich gewesen. Seine praktische Erfahrung mit dieser Zielgruppe ist eine wichtige Ressource.
  • Herr S. hat seine berufliche Ausrichtung trotz diverser Hindernisse in die gewünschte Richtung gelenkt. Er hat Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit und Flexibilität unter Beweis gestellt.

In einer vertiefenden Betrachtung wären sicher weitere Ressourcen zum Vorschein gekommen. Doch Herr S. begrenzt seine Möglichkeiten unbewusst durch die eigene schlechte Bewertung des ersten Jahrzehnts seines Werdegangs.

2. Beispiel: Der Bewerber spielt eine Rolle

Herr D. bewirbt sich um eine Position als Baumarktleiter. Er hat das Geschäft  „von der Picke auf“ gelernt und ist seit 10 Jahren in einer Stellvertreter-Position. Sein Vorgesetzter vertraut ihm das Tagesgeschäft inkl. der fachlichen Mitarbeiterführung an. Im Erstinterview wird deutlich, dass er seine Führungsrolle als „Primus inter pares“ ausfüllt und eine hohe Akzeptanz bei den Mitarbeitern findet. Er bringt alle erforderlichen Erfahrungen und persönlichen Qualifikationen mit und ist reif für den Karriereschritt zum Baumarktleiter. Im weiterführenden zweiten Vorstellungsgespräch mit der Geschäftsführung versucht er nun die Rolle des „Baumarktleiters“ zu spielen. Er zeigt sich betont lässig und zielstrebig mit dominanter Attitüde. Diese Rolle entspricht nicht seiner eher bescheidenen Persönlichkeit. Hier hat der Kandidat versucht, sein mangelndes Selbstbewusstsein durch ein aufgesetztes Verhalten zu kompensieren. Mit diesem „Schauspiel“ hat Herr D. sich völlig disqualifiziert. Nicht immer ist das „Schauspiel“ eines Kandidaten so überdeutlich erkennbar. Manchmal sind die Nuancen feiner, doch der Personalentscheider erkennt: „Da wird mir was vorgemacht.“.
Wäre Herr D. sich selbst treu geblieben und hätte sich ehrlich im Umgang mit Begabungen und Begrenzungen dargestellt, wären seine Chancen auf die Position durchaus realistisch gewesen.

3. Beispiel: Die Motivation des Bewerbers stimmt nicht

Frau K. ist leitende Buchhalterin in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Sie bewirbt sich seit einiger Zeit um eine neue Position, erhält jedoch nach jedem Vorstellungsgespräch eine Absage. Frau K. kommt zum Vorstellungstraining in die Coaching-Praxis. Schnell wird deutlich, dass sie als hochqualifizierte, selbstbewusste Kandidatin keine Schwierigkeiten haben sollte, eine neue Position zu finden. Jedoch konnte ich während des Trainingsgespräches eine diffuse Diskrepanz zwischen dem gesprochenen Wort und ihrer persönlichen Wirkung feststellen. Ich sprach sie direkt darauf an und sie erzählte mir Folgendes:
Ihr ehemaliger Lebensgefährte ist im gleichen Unternehmen tätig. Durch ungeklärte Beziehungsthemen kommt es immer wieder zu unangenehmen Situationen am Arbeitsplatz. Eigentlich arbeitet sie sehr gerne in diesem Unternehmen. Sie hat eine stabile, gut bezahlte Position und sieht keinen beruflichen Grund für einen Wechsel. Doch die private Situation nehme ihr alle Kraft.
Das führt zu einer Haltung: „Ich will hier weg!“. Der berufliche Wechsel ist nicht das, worum es wirklich geht. Es gibt keine Motivation zu einer neuen Arbeitsstelle hin. Für Frau K. steht eine andere Aufgabe an: Die Bewältigung der Trennung von ihrem Partner.

Es gibt immer wieder in Vorstellungsgesprächen Kandidaten mit einer „Weg-von-Motivation“. Die Gründe warum ein Mensch dringend eine Arbeitssituation verlassen möchte, sind unterschiedlich. Doch immer schwächt das nicht gelöste Thema im Hintergrund die Wirkung und Überzeugungskraft der Persönlichkeit. Im Coaching empfehle ich, an der eigenen Zukunfts-Orientierung zu arbeiten. So verbindet der Mensch sich mit der positiven Ausrichtung auf die angestrebte Position. Es entsteht eine „Hin-zu-Motivation“.

Ähnliche Beispiele sind in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Vorstellungsgesprächen zu finden.

Vielleicht haben die Beispiele dazu beigetragen, dass Sie sich selbst auf die Spur kommen. Oft genügt es schon, sich einer bestimmten Verhaltensweise bewusst zu werden. Doch je nach dem wie stark die Bedrängnis ist, kann das Thema auch in einem Coaching bearbeitet werden.

Im folgenden Teil dieser Artikelreihe finden Sie Hinweise zum Ablauf eines Vorstellungsgespräches.